|
Montag, 25.01.2010 |
Erfahrung triumphiert über jugendlichen Tatendrang
|
Luise Malzahn aus Halle unterliegt bei den deutschen Meisterschaften im Finale Heide Wollert
BAYREUTH/MZ. Bloß nicht daran denken, dass der Hals kratzt und die Luft schnell wegbleibt. Als Luise Malzahn am Samstag zu ihrem Finalkampf auf die Matte ging, verbannte sie alle Gedanken über ihre Erkältung aus dem Kopf. Die gesamte Konzentration galt ihrer Kontrahentin Heide Wollert und dem unbedingten Wunsch, sich bei diesen deutschen Judo-Meisterschaften in Bayreuth den Titel im Halbschwergewicht zu sichern. Ausgezahlt hat sich das allerdings nicht: Nach vier Minuten und 49 Sekunden wehrte Wollert einen Angriff ihrer ehemaligen Vereinsgefährtin ab und startete eine Gegenoffensive. Für diese bekam die Leipzigerin einen Ippon - also einen vollen Punkt - zugesprochen. Das war der vorzeitige Sieg. Die Erfahrung triumphierte über den jugendlichen Tatendrang. "Ich musste alles auf eine Karte setzen, denn ich lag mit zwei Bestrafungen hinten. Heide hatte nur eine", sagte Malzahn nach dem misslungenen Angriff mit heiserer Stimme. Ihre Enttäuschung war jedoch schnell verflogen. Denn mit ihrem Silbermedaillengewinn ist die 19-Jährige nunmehr offiziell die deutsche Nummer zwei im Limit bis 78 Kilo. Als solche hat sie gute Aussichten, Ende April zur EM nach Wien zu fahren. Für die Besten sind die Weltmeisterschaften im September in Japan der Saisonhöhepunkt. Weil das Reglement des Weltverbandes neuerdings zwei Starter pro Nation für diese Meisterschaften zulässt, eröffnet sich für die junge Hallenserin da sogar eine weitere Möglichkeit. Bundestrainer Michael Bazynski sah nicht nur das spannende Finalduell. Ihm blieb auch Malzahns souveräner Durchmarsch bis ins Finale nicht verborgen. "Gut gemacht", lobte der Kölner die Hallenserin für ihre drei vorzeitigen Siege in dem Meisterschaftsturnier. Jeweils nur wenige Sekunden hatte die SV-Athletin benötigt, um ihre Gegnerinnen aufs Kreuz zu legen. "Das war von Vorteil, allein schon wegen meiner Erkältung." Am Ende sah die Dritte der Junioren-WM sogar in der Final-Niederlage etwas Gutes. Weiß sie doch jetzt, dass "Heide physisch noch ein ganzes Stück besser ist als ich. Und auch konditionell habe ich ihr gegenüber Nachholbedarf." Die acht Jahre ältere Wollert gewann den Titel nach eigenen Worten nicht im Vorbeigehen. "Man muss die Jüngeren immer im Auge haben", sagte die Europameisterin und Olympia-Siebte, die erst vier Tage zuvor von einem Superturnier aus Südkorea zurückgekehrt war. Mit Malzahn hatte die Ex-Hallenserin bis zu ihrem Wechsel nach Leipzig vor einem Jahr öfter trainiert, vor allem im technischen Bereich. Mittlerweile sehen sich die beiden Kontrahentinnen jeden Dienstag zu einer gemeinsamen Trainingseinheit in dem sächsischen Stützpunkt. "Da gehen wir uns aber möglichst aus dem Weg", sagte Malzahn. "Das wird meistens eine Schlacht, weil wir uns nichts schenken." Gegeneinander haben die zwei, die ihr Verhältnis trotz aller Rivalität als kameradschaftlich bezeichnen, erst zweimal gekämpft. Beide Male triumphierte die erfahrenere Kämpferin. Zu einer Neuauflage könnte es frühestens beim Grand Prix Ende Februar in Düsseldorf kommen. Die Hallenserin hat beim Weltcup nächste Woche in Sofia die Chance, international auf sich aufmerksam zu machen, die Leipzigerin einige Tage später in Paris. Zuvor bestreiten beide in der französischen Hauptstadt ein gemeinsames Trainingslager. Die Grand-Prix-Turniere und Weltcups sind der Aufgalopp. Richtig ernst wird es für die zwei und ihre Auswahl-Kolleginnen ab Mai, wenn der Qualifikationsmarathon für Olympia 2012 beginnt. Ab dann gibt es bei allen großen Turnieren Punkte für eine Rangliste, die über den London-Start in drei Jahren entscheiden wird. Die Spiele haben sowohl Wollert als auch Malzahn als großes Ziel. Es werden also noch einige packende Duelle zu erwarten sein.
Quelle: www.mz-web.de Text: Petra Szag/Sportredaktion |